Zwei Träume
Erinnern ist für mich so wie Wasserholen am Brunnen. Ich werfe den Eimer hinunter, lasse so viel vom Seil nach, bis ich spüre, wie sich der Eimer mit Wasser füllt, und ziehe ihn dann langsam wieder hoch. Ganz selten ist das Wasser so klar, daß ich bis zum Boden des Eimers sehen kann, und doch überrascht es mich immer wieder, was ich dort alles entdecke; einmal fand ich sogar einen Traum, der sich in meiner Kindheit und Jugend oft wiederholte und den ich lange vergessen hatte.
Ich soll bei Kleinböhl auf der Freßgasse Milch holen. Wie ich beim Metzger Rullmann um die Ecke biege, bemerke ich ein ungewöhnlich großes Tier, das fast wie ein Elefant aussieht. Es hat menschenähnliche Gesichtszüge, auffallend rote, hervorquellende Basedowaugen hinter einer schwarzumrandeten Hornbrille mit breiten Bügeln, wie sie der Arzt Sely Hirschmann trug, und große Elefantenohren, mit denen es ständig wedelt. Merkwürdig ist auch, daß das Tier eine Kopfbedeckung trägt, eine schwarze Baskenmütze, die sehr groß und ganz auf die Seite gezogen ist.
Eine ähnliche Baskenmütze hatte damals das Frankfurter Original Karlchen Waßmann aus dem Riederwald, und wie das Elefantentier trug auch er sie genau so schräg und weit über seinen weißen Haarschopf hinuntergezogen. Dieser freundliche, verschrobene Menschheitsbeglücker zog in den zwanziger und dreißiger Jahren jeden Abend von Kneipe zu Kneipe, winters wie sommers nur mit Hemd, kurzer Hose, Sandaletten und jener Baskenmütze angetan, eine grüne Fahne als Zeichen der Hoffnung auf eine bessere Zeit über der Schulter. Er verkaufte für einen Groschen seine im Selbstverlag herausgegebene Zeitung »Die Liebe« mit eigenen Gedichten, Erzählungen und Aufrufen für den Frieden der Welt. Wenn er in einem Lokal in der Tür erschien, sangen die Gäste im Chor: »'s Karlche Waßmann kimmt, s' Karlche Waßmann kimmt, die Liiiebe« - und er grüßte freundlich und war keinem böse, der Witze über ihn machte, ging von Tisch zu Tisch und bot in dem ihm eigenen Singsang seine Zeitung an. »Die Li-hiebe für nur zehn Pfennige - Leute kauft die Li-hiebe!« Viele nahmen ihm aus Jux, Mitleid oder auch ein wenig Neugier ein Exemplar ab, und Karlchen Waßmann sagte fünfmal »Danke«; und wenn ihm wer eine Laugenbrezel spendierte, wie man sie in Sachsenhausen zum Apfelwein ißt, sagte er in seiner typischen Art: »Der Herrgott vergelt's Euch, ein langes Leben in Frieden, und meine Empfehlung der Frau Gemahlin.«
Nur der in Frankfurt Fremde, der Ahnungslose, ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein, über Weltfrieden, Nächstenliebe und Abstinenz, denn sein missionarischer Eifer kannte keine Grenzen.
Den Nazis aber paßte Karlchen Waßmann mit seiner »Liebe« nicht, und weil er keiner anderen Beschäftigung nachging als der Herstellung und dem Verkauf seiner Zeitung - er selbst bezeichnete sich mit einem naiven Stolz als Schriftsteller und Schriftsetzer -, nannten sie ihn einen Parasiten der Volksgemeinschaft, schafften ihn eines Tages in ein Konzentrationslager und brachten ihn dort um.
Das böse Tier, das ich im Traum in der Menschenmenge entdeckt habe, mit der gleichen Baskenmütze auf dem Kopf wie sie Karlchen Waßmann trug, scheint mich zu verfolgen. Komisch ist nur, daß keiner der vielen Menschen auf der Straße sich an ihm stört, obwohl es doch so groß ist und so auffallend aussieht. Ich versuche, schneller zu gehen, aber es tappt schwerfällig hinter mir her, der Abstand bleibt gleich. Ich bin nicht imstande, mich zu beeilen, meine Beine sind wie gelähmt, nur mit einem gewaltigen Kraftaufwand kann ich ein Bein vor das andere setzen, es ist, als ob man in einem Fluß gegen die Strömung geht. Immer wieder schaue ich mich ängstlich um, das Tier scheint es nicht eilig zu haben, es kommt nicht näher, aber entfliehen kann ich ihm auch nicht. Ich weiß, daß es unfähig ist, schneller zu laufen, aber da ist ja noch sein Rüssel. Wenn es will, kann es mich jederzeit mit seinem langen Rüssel erreichen. Und davor habe ich schreckliche Angst. In dem Moment, in dem ich mich langsam und verzweifelt am Obst-Weinschrod vorbeiquäle, fällt eine Apfelsinenkiste um. Vielleicht habe ich sie umgestoßen, um für meinen Verfolger den Weg zu blockieren, ich weiß es nicht mehr so genau. Jedenfalls gewinne ich dadurch einen kleinen Vorsprung, denn das Tier hebt mit seinem Rüssel erst alle Apfelsinen von der Straße auf und schiebt sie sich ins Maul, bevor es weitertappt. Trotzdem komme ich nicht aus der Reichweite des gefährlichen Rüssels. Aber jetzt habe ich endlich die Eingangstür zum Milchladen erreicht, und es gelingt mir auch, in den Laden hineinzukommen und die Tür hinter mir zu schließen.
Ich bin in Sicherheit, denn ich weiß, hier darf es nicht rein, es muß also vorbeilaufen, und ich bin gerettet. An der Theke stehen noch einige Frauen, die vor mir bedient werden müssen. Das ist gut so, denn dann kann ich länger im Laden bleiben. Immer wieder schaue ich durch das Ladenfenster auf die Straße hinaus und warte darauf, daß mein Verfolger endlich vorbeigeht. Er kommt und kommt nicht. Und nun geschieht etwas Ungewöhnliches: der Milchmann nimmt mir die Kanne ab und füllt sie, obwohl ich noch gar nicht an der Reihe bin. Ich muß also jetzt den Laden verlassen. Ich öffne die Tür, die ungefähr einen Meter von der Straße zurückgesetzt ist.
Genau in dem Augenblick, in dem ich die Ladentür hinter mir schließe, kommt mein Verfolger mit der Baskenmütze vorbei. Entsetzt bleibe ich in der Nische zwischen Tür und Straße stehen und presse mich an die Wand. Vielleicht entdeckt mich das Tier nicht. Und tatsächlich, es tappt vorbei, den Rüssel weit vorausgestreckt. Schon will ich erleichtert aufatmen, als das Tier genau vor der Nische stehenbleibt. Ich bin in der Falle. Zurück kann ich nicht mehr, denn die Ladentür geht nach außen auf. Ganz langsam dreht das Tier den Kopf herum, hebt seinen Rüssel hoch und stößt ihn direkt auf mich zu. Ich schreie auf und erwache von meinem eigenen Schreien, das aber mehr ein Stöhnen ist. Ich bin schweißgebadet und kann lange nicht wieder einschlafen.
Bei den späteren Wiederholungen dieses Traumes passierte es, daß ich in dem Augenblick, da ich in der Falle sitze, weiß, daß ich träume, und bevor das Tier seinen Rüssel auf mich niederstoßen kann, reibe ich mir schnell die Augen, damit ich aufwache. Und es gelingt mir, ich erwache und habe auf diese Weise das Tier überlistet, zumindest bin ich ihm noch einmal entkommen.
Und noch ein zweiter, sich oft wiederholender Traum tauchte in meiner Erinnerung auf: Ich gehe im Strom vieler Menschen eine Straße entlang. Es ist immer die gleiche Straße, das Stück Kaiserstraße zwischen Frankfurter Hof und Salzhaus, und immer gehe ich in Richtung Salzhaus. Auf einmal entdecke ich, daß ich splitternackt bin.
Ich schaue mich um, ob es die anderen Passanten auch schon gemerkt haben. Einige bleiben stehen und schauen mich an, deuten auf mich und lachen. Ich versuche, mit beiden Händen meinen Penis zu verdecken, aber irgendwo schaut immer ein Stückchen heraus, einer zieht mir die Hände weg, und ich merke, daß mein Penis erigiert, das ist das Allerschlimmste, und die Leute ringsum lachen noch lauter.
Jetzt sehe ich, daß ich meine Hose über dem Arm hängen habe. Schnell will ich sie anziehen, aber ich komme in kein Hosenbein hinein, wie sehr ich mich auch anstrenge. Ein Junge reicht mir einen Sack. Ich versuche, da hineinzuschlüpfen, denn jetzt ist es mir schon egal, mit was ich meine Blöße bedecke. Aber auch das geht nicht, ich trete immer auf den Sack, und wenn ich ihn schon ein Stückchen hoch habe, ziehen ihn die Leute wieder herunter.
Ich flüchte aus der Menschenmenge, die sich um mich gebildet hat. Der Kreis öffnet sich, und ich laufe davon, die johlende Meute hinter mir her. Ich renne die Straße entlang und suche einen Hauseingang, wo ich mich verstecken kann. Aber die Häuser haben auf einmal keine Eingänge mehr, oder ich finde sie nicht, obwohl ich weiß, daß irgendwo Eingänge sein müssen. Mehrmals laufe ich um das Häuserviereck, vergebens. Da sehe ich die Linie 3 der Straßenbahn kommen, sie fährt zum Opernplatz und hat hier eine Haltestelle. Wenn ich mit ihr fahren würde, wäre das die Rettung. Sie hält nicht, ich laufe ihr noch ein Stück nach, aber sie fährt davon, meine letzte Hoffnung fährt davon, meine Lage ist ausweglos.
Auch bei diesem Traum erinnere ich mich an Variationen. Mal kommt die Straßenbahn gleich, als ich noch in der Menge stehe und versuche, den Sack hochzuziehen. Aber immer fährt sie vorbei, oder sie ist so überfüllt, daß ich nicht zusteigen kann. Mal taucht ein Polizist auf, vor dem ich wegen meiner Nacktheit große Angst habe, mal sind in der Menschenmenge Hunde, die mich anbellen und nach mir schnappen.